Aktivitäten

Artenreiches Auengrünland

Nach heutigem Wissen ist davon auszugehen, dass der lokale Reichtum an Tier- und Pflanzenarten durch die historische Kultivierung der ursprünglich bewaldeten Landschaft entstanden ist. Der wohl in Mitteuropa vorherrschende Buchenwald wurde abgeholzt, und es entstanden neue offene weit vernetzte Lebensräume, die einwandernden Tier- und Pflanzenarten eine neue Heimat boten. Ein prägendes artenreiches Landschaftselement waren damals die mageren artenreichen Mähwiesen. Es gibt viele Lösungsansätze, wie derartige Lebensräume heute wieder entstehen bzw. erhalten werden können. Grundsätzlich sollte der Nährstoffeintrag, vor allem der in Ammonium und Nitraten enthaltene Stickstoff und der in Phosphaten enthaltene Phosphor, eher gering sein. Ein hoher Eintrag an Nährstoffen fördert vor allem die nahezu alles überwachsenden Gräser. Auf mageren Standorten mit relativ wenig Nährstoffeintrag wachsen bevorzugt die für den Artenreichtum wertvolleren krautigen Pflanzen (Abbildung 1). Neben dem Nährstoffeintrag ist das Mahdmanagement ein weiterer wichtiger Faktor für das Entstehen artenreicher Mähwiesen. Historisch wurden Wiesen aufgrund der fehlenden technischen Mittel in eher unregelmäßigen Intervallen ein- oder zweimal im Jahr oder auch abhängig von der Witterung und dem Standort in manchen Jahren auch gar nicht gemäht (Buchwald 2011).

Abb. 1: Durch extensive Bewirtschaftung entstandenes artenreiches Grünland in der Röslauaue. Foto: Oliver Kreß

Einbau von Totholz in Fließgewässer

In Gewässern sind Totholz und Kies wichtige Lebensräume für viele Organismen. Totholz ist keineswegs tot, sondern Grundlage für ein ausgeprägtes Nahrungsnetz. Auf seiner Oberfläche siedeln sich zahlreiche Mikroorganismen, Pilze und Algen an. Diese dienen den Larven vieler Insekten oder anderer Wirbelloser als Nahrungsquelle, welche wiederum die Nahrungsgrundlage für viele Fische darstellen.

Totholz erfüllt als Lebensraum und Kinderstube weitere wichtige ökologische Funktionen für Fische und andere Bewohner von Fließgewässern: Da dieses Substrat den Jungstadien wertvollen Schutz bietet, legen viele Tiere ihre Eier am oder in der Nähe von Totholz ab. Totholzstrukturen erhöhen signifikant die besiedelbare Oberfläche, so dass in Fließgewässern auf Holz und Kies bis zu 60-mal mehr aquatische Wirbellose leben als im sonst degradationsbedingt dominierenden sandigen Sohlsubstrat. Auch für den Strukturreichtum und die eigendynamische Entwicklung von Fließgewässern ist Totholz von elementarer Bedeutung (Abbildung 2). Es dient z.B. als wichtiger Strömungslenker für die Bildung von Sohlenstrukturen. Durch den gezielten Einbau von Totholz am Ufer kann zudem eine übermäßige Erosion verhindert werden (Dickhaut 2005, Fichtner 2016, von Siemens et al. 2009).

Abb. 2: Verbaute Weidenstämme als Strömungslenker, Erosionsschutz und zur Schaffung von Stillwasserzonen im Strömungsschatten der Stämme. Röslau bei Seußen. Foto: Andreas Zipperle

Kiesschüttungen, Geschiebezugang

Als Geschiebe wird die Fracht aus Geröll, Kies und Sediment bezeichnet, die ein Fließgewässer natürlicherweise verfrachtet und ablagert. Solche Geschiebe erzeugen Abfolgen von Furten und Kolken (seichte und vertiefte Stellen) und erhöhen dadurch die Tiefenvarianz sowie die Strömungs- und Substratdiversität (Abbildung 3). Durch die erzeugten hohen Turbulenzen entsteht ein hoher Gasaustausch, wodurch sich der Sauerstoffgehalt im Gewässer signifikant erhöht. Diese Mikrohabitate sind wichtige Laichplätze, z.B. für Bachforellen und Lebensräume des Makrozoobenthos. Das natürliche Geschiebe vieler Fließgewässer wird durch den Einbau von Stauwehren unterbrochen. Um dieses Geschiebe zu ersetzen, wird bei der Renaturierung daher gewaschener Flusskies in Fließgewässer eingebracht (Dickhaut 2005, Fichtner 2016).

Abb. 3: Kiesschüttung in der Eger zur Verbesserung der Gewässersohlstruktur als Lebensraum für Kleinlebewesen (z.B. Insektenlarven). Kies am Ufer dient als Erosionsschutz und als Geschiebedepot zur Verteilung durch Hochwässer. Foto: Andreas Zipperle

Totholz in der Aue

Totholz wird von vielen Beobachtern als störendes und unordentliches Landschaftselement gesehen und wird daher in der Regel entfernt. Tatsächlich ist Totholz aber ein wichtiger Lebensraum für viele Pilze, Pflanzen und Tiere (Abbildung 4).

In ursprünglichen Wäldern sind natürlicherweise gewisse Mengen an Totholz vorhanden. Aufgrund des relativ hohen Verhältnisses der Massen von Kohlenstoff zu Stickstoff (C/N) in Totholz erfolgt dessen Abbau durch Mikroorganismen (MO) nur relativ langsam (Parnas 1975). Wie alle Organismen benötigen auch MOs für das Wachstum Stickstoff (N). Die meisten MOs benötigen im Substrat gebundenen Stickstoff, nur wenige können ihn aus der Luft fixieren. Da in Totholz zwar viel Kohlenstoff aber nur relativ wenig Stickstoff vorhanden ist (hohes C/N Verhältnis), kann es je nach Holzart von MOs nur langsam abgebaut werden. Papier oder Cellulose-Taschentücher zeichnen sich durch ein noch viel höheres C/N-Verhältnis aus, wodurch deren Verweildauer in der Natur bei achtlosem Wegwerfen extrem hoch ist (Grünabfälle 7-15 C/N, Buchenholz ca. 51 C/N, Zeitungspapier 400-850 C/N).

Für Insekten ist dieser langsame Abbauprozess aber von Vorteil. So werden Hohlräume im Totholz von vielen Insekten zur Überwinterung genutzt. Viele oberirdisch nistende Wildbienen legen in Totholz Hohlräume für ihre Brutzellen an. Einige Wildbienen wie die Blauschwarze Holzbiene Xylocopa violacea legen ihre Brutzellen in selbstgenagten Gängen an. Andere Wildbienen, wie z.B. die Maskenbiene Hylaeus confusus, nutzen dafür bereits vorhandene Hohlräume. Grundsätzlich erhöht die Häufigkeit von Totholz den Artenreichtum an Wildbienen (Eckerter 2021, Westrich 1991).

Abb. 4: Totholzhaufen, hier in der Röslauaue bei Seußen, sind für viele Insekten essentielle Lebensräume. Foto: Oliver Kreß

Projektevaluation

Die Aktivitäten und Maßnahmen an den Fließgewässern in der Aue und im Auengrünland werden wissenschaftlich begleitet (Abbildungen 5 & 6). Sie werden unter anderem im Rahmen von Bachelor- und Masterarbeiten in Kooperation mit der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Universität Bayreuth untersucht. Dazu gehören die Erfassung der Ausgangszustände von Gewässern und Aue und der vorhandenen Insektenfauna sowie die Planung von geeigneten Renaturierungsmaßnahmen. Zudem wird die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen, wie z. B. unterschiedliche Bewirtschaftungsmethoden auf dem Auengrünland oder abgeschlossene Fließgewässerrenaturierungen, und deren direkte und langfristige Auswirkungen auf die Insektenfauna untersucht.

Gleichzeitig findet eine sozioökonomische Untersuchung statt, die sich mit der Wahrnehmbarkeit und Akzeptanz von InseGdA in der Öffentlichkeit beschäftigt und der Frage nachgeht, ob möglicherweise das Verständnis für und das Verhalten von handelnden Personen und der Öffentlichkeit zu einem verbesserten Schutz der Artenvielfalt bei Insekten durch die Aktivitäten des Projektes beeinflusst werden.

Abb. 5: Malaisefalle in der Egeraue zur Erfassung flugfähiger Insekten. Foto: Andreas Zipperle

Abb. 6: Prof. Volker Lüderitz von der Hochschule Magdeburg-Stendal und Dr. Andreas Zipperle von InseGdA bei der Beprobung des Makrozoobenthos der Eger. Fotos: Oliver Kreß

Gewinnung von gebietsheimischem Saatgut

Im Verlauf unserer Maßnahmen wollen wir artenarme Wiesen oder Ackerlagen in den Auen in artenreiche Wiesen umwandeln. Dazu wollen wir auf geeigneten artenreichen Spenderflächen gebietsheimisches Saatgut sammeln und auf entsprechenden Empfängerflächen ausbringen. Im Vergleich zu kommerziell erhältlichem Regiosaatgut können wir mit dieser Methode die Spenderflächen ganz gezielt auswählen und somit einen idealen Startpunkt für die Etablierung natürlicher Pflanzengesellschaften in unseren Projektgebieten schaffen (Abbildung 7). Durch die Verwendung von gebietsheimischem Saatgut versprechen wir uns auch eine höhere Resilienz der Lebensräume hinsichtlich Stresssituationen wie z.B. extremen Witterungsverhältnissen. Die Auenflächen sollen mit dieser Methode aber nicht „kopiert“ werden, wir wollen damit lediglich die Entwicklung zu einem eigenständigen Lebensraum beschleunigen. Gesammelt wird das Saatgut mithilfe eines Bürstensammlers, der vorne an einen Schlepper angeflanscht wird. Dieser Bürstensammler besteht aus einer rotierenden Bürste im vorderen Bereich und einem dahinterliegenden Sammelkorb. Da die verschiedenen Pflanzenarten natürlich zu unterschiedlichen Jahreszeiten ihre Samenreife erlangen, muss die Spenderfläche mehrmals befahren werden. Zur Lagerung wird das Saatgut anschließend gereinigt und getrocknet. Geeignete Empfängerflächen können dann mit diesem Saatgut aufgewertet werden.

Abb. 7: Artenreiche Wiese als Spenderfläche für autochthones Saatgut. Foto: Oliver Kreß